Memoranta

Leseproben

So liest sich ein Memoranta

Drei vollständige Beispiele, drei sehr verschiedene Menschen: ein Porträt über die eigene Mutter, ein einziges Jahr mit einem Kind, dreißig Jahre Wissen ohne Namen. Jedes entstand aus einem frei gesprochenen Gespräch — such dir das aus, das dir am nächsten ist.

Ein Wort zu diesen Leseproben: Hilde, Daniel und die Frau ohne Namen sind aus Datenschutzgründen frei erfunden — ein echtes Kundendokument können wir dir nicht zeigen, denn alle Kundendokumente sind gelöscht, so wie wir es versprechen. Entstanden sind die drei Abschnitte aber genau so, wie auch deines entsteht: aus einem frei eingesprochenen Gespräch, mit derselben Technik.

Welchen Abschnitt möchtest du lesen?

Wer ist dieser Mensch?Zum Achtzigsten, für die ganze FamilieTon: warmMit Namen

So sieht der Standard aus: kein einziger deutender Satz, nur das, was erzählt wurde. Anja hat keine Entdeckung angehakt — und bekommt genau deshalb ein Porträt und keine Charakteranalyse.

Die Hände meiner Mutter

Meine Mutter heißt Hildegard, alle sagen Hilde. Sie ist im Februar achtzig geworden, und als ich sie gefragt habe, ob ich etwas über sie aufschreiben darf, hat sie gesagt: „Über mich? Da gibt's doch nichts." Dieser Satz steht hier ganz bewusst am Anfang, denn er ist das Erste, was man über sie wissen muss.

Kirchweg 11

Sie ist 1946 in Marktoberdorf zur Welt gekommen, als drittes von fünf Kindern, im Haus am Kirchweg 11. Ihr Vater war Sattler, die Werkstatt lag im Erdgeschoss, gewohnt wurde darüber. Sie erzählt vom Geruch nach Leder und Schmierseife, der durchs ganze Haus zog, und davon, dass sie als Kind die abgeschnittenen Lederreste sammeln durfte — daraus hat sie Puppenschuhe genäht und an die Nachbarskinder verkauft, fünf Pfennig das Paar.

Die Kindheit war eng und laut. Fünf Kinder, zwei Zimmer, eine Küche. Sie sagt, sie habe erst mit siebzehn gemerkt, dass andere Leute ein eigenes Bett haben. Aber sie erzählt das ohne jede Bitterkeit — eher so, wie man eine Sache erzählt, die man lange für normal gehalten hat.

Mit vierzehn kam sie aus der Schule und in die Lehre, Bäckerei Ritter am Marktplatz. Nicht, weil sie backen wollte, sondern weil die Ritters eine Stelle frei hatten und ihre Mutter gesagt hat: „Da gehst hin."

Die Bäckerei

Fünf Jahre Ritter, dann kam mein Vater. Sie hat ihn auf dem Sommerfest der Feuerwehr kennengelernt, 1967, er hat sie zum Tanzen aufgefordert und ihr auf den Fuß getreten. Sie sagt, sie habe gedacht: der kann wenigstens lachen über sich selber.

1971 haben die beiden die Bäckerei in Ronsberg übernommen, vom alten Herrn Wagner, der keinen Nachfolger hatte. Meine Mutter war fünfundzwanzig. Sie stand ab drei Uhr früh im Laden, mein Vater in der Backstube, und dazwischen lag eine Tür, durch die dreißig Jahre lang alles gegangen ist, was in dieser Familie passiert ist.

Was mich beim Zuhören überrascht hat: Sie redet über die Bäckerei fast nie vom Backen. Sie redet von den Leuten. Von der Frau Aschenbrenner, die jeden Dienstag zwei Semmeln gekauft hat und immer zwanzig Minuten geblieben ist. Von dem Mann, der im Winter 1983 kein Geld dabeihatte und dem sie ein Brot mitgegeben hat, und der drei Tage später mit einem Sack Kartoffeln vor der Tür stand. Von den Kindern, die auf dem Schulweg vorbeikamen und denen sie den Bruch vom Vortag zugesteckt hat.

Der Laden war nie ein Laden. Der war das Wohnzimmer von dem halben Dorf.

Vier Kinder und ein Ladentisch

Wir sind vier. Ich bin die Zweite. Ich habe sie gefragt, wie sie das gemacht hat — Laden, Haushalt, vier Kinder — und sie hat gesagt, sie wisse es nicht mehr, es sei halt gegangen. Dann hat sie doch angefangen zu erzählen, und dabei kam heraus, wie es gegangen ist.

Sie hat einen Stuhl hinter den Ladentisch gestellt, auf dem immer eines von uns saß. Hausaufgaben wurden zwischen zwei Kunden kontrolliert. Wer krank war, lag im Lagerraum auf einer Matratze zwischen den Mehlsäcken, weil sie ihn dort im Blick hatte. Der Mittagsschlaf meines kleinen Bruders fand im Bollerwagen hinter der Theke statt.

Und sie hat eine Regel gehabt, die sie erst auf Nachfrage genannt hat: Sonntagvormittag wurde nicht gearbeitet. Nicht gebacken, nicht geputzt, nicht abgerechnet. Egal was war. Sie sagt, das sei die einzige Sache gewesen, bei der sie meinem Vater gegenüber nie nachgegeben habe.

1989 ist mein Vater krank geworden. Ein Jahr lang hat sie die Bäckerei alleine geführt, mit einem Gesellen, den sie sich nicht leisten konnte und trotzdem eingestellt hat. Über dieses Jahr sagt sie zwei Sätze, mehr nicht. Ich habe nicht nachgebohrt.

Was sie mir nie gesagt, aber beigebracht hat

Meine Mutter hat mir nie einen Rat gegeben. Kein einziges Mal. Ich habe sie im Gespräch gefragt, was sie mir mitgeben will, und sie hat wieder gesagt: „Da gibt's doch nichts."

Also habe ich sie stattdessen gefragt, was sie gemacht hat, wenn sie nicht mehr weiterwusste. Da kam: „Dann hab ich halt angefangen. Irgendwo." Auf die Frage, was sie gemacht hat, wenn jemand ungerecht war: „Nichts gesagt. Aber gemerkt." Und was sie gemacht hat, wenn jemand Hilfe brauchte: „Was halt ging."

Das sind drei Sätze, die niemand als Lebensweisheit verkaufen würde. Ich habe trotzdem dreißig Jahre nach ihnen gelebt, ohne dass sie je ausgesprochen wurden — siehe Die Bäckerei, wo dasselbe zwischen Ladentisch und Kartoffelsack passiert ist.

Die Hände

Sie hat kleine, sehr breite Hände mit kurzen Fingern und einer Narbe quer über dem rechten Handrücken, von der Teigmaschine, 1974 — aus dem Jahr, in dem der Stuhl hinter dem Ladentisch stand (siehe Vier Kinder und ein Ladentisch). Wenn sie erzählt, liegen sie flach auf dem Tisch. Wenn ihr etwas nicht passt, dreht sie den Ehering.

Zum Schluss habe ich sie gefragt, worauf sie stolz ist. Sie hat lange nichts gesagt und dann: dass alle vier Kinder Weihnachten kommen. Nicht dass wir etwas geworden sind — dass wir kommen. Das war ihre Antwort, und ich lasse sie genau so stehen, wie sie gefallen ist, ohne etwas dazuzulegen.

Momente, die bleiben

  • Geboren 1946 in Marktoberdorf, drittes von fünf Kindern, Sattlerwerkstatt im Erdgeschoss, Wohnung darüber
  • Puppenschuhe aus Lederresten, fünf Pfennig das Paar — das erste selbstverdiente Geld
  • Lehre bei der Bäckerei Ritter ab vierzehn, nicht aus Wunsch, sondern weil eine Stelle frei war
  • 1967 kennengelernt auf dem Feuerwehrfest, Fußtritt beim Tanzen inklusive
  • 1971 Übernahme der Bäckerei in Ronsberg mit fünfundzwanzig, dreißig Jahre Laden
  • Der Stuhl hinter dem Ladentisch, auf dem immer eines der vier Kinder saß
  • Sonntagvormittag wurde nicht gearbeitet — die einzige Regel, bei der sie nie nachgab
  • 1989/90: ein Jahr alleine geführt, mit einem Gesellen, den sie sich nicht leisten konnte
  • „Was halt ging" — ihre Antwort auf die Frage, wie man hilft
  • Worauf sie stolz ist: dass alle vier an Weihnachten kommen

Der Satz, mit dem sie angefangen hat, war „Über mich gibt's doch nichts." Er steht jetzt am Anfang von neun Seiten.

Alle drei Geschichten sind aus Datenschutzgründen frei erfunden · Du bekommst deinen Abschnitt zusätzlich als Word, PDF und E-Book.

Dein Abschnitt klingt nicht wie Hildes, nicht wie Daniels. Er klingt wie du.

Einmal erzählen genügt — die Vorschau ist kostenlos, bezahlt wird erst, wenn sie dich überzeugt.

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